Dümmer als die Polizei erlaubt
Noch mehr unter: Verbrechen lohnt nicht
Sie lassen Fotos von sich liegen, flüchten in
Sackgassen oder schlafen am Tatort ein.
Wenn Ganoven scheitern, dann oft an sich selbst.
- Der Mann am Telefon sprach mit sächsischem
Singsang. Doch seine Forderung war klar: "10 000 DM,
sonst erzähle ich der Polizei, daß ich bei ihnen
schwarzarbeite." Auch über die Geldübergabe hatte
der 39jährige DDR-Übersiedler nachgedacht."Bar ist
zu gefährlich. Am besten, Sie überweisen mir das Geld.
Meine Kontonummer lautet ..." Kein Wunder, daß
dieser Erpresser noch am selben Tag von der Trosdorfer
Polizei festgenommen wurde.
Im menschlichen Tun liegt stets der Keim des
scheiterns. Glücklose Fußballer schießen über das leere Tor,
zittrige Friseure säbeln daneben, nervöse Schauspieler
verwechseln das Kostüm. Doch nirgendwo vollzieht sich das
scheitern so tragikomisch wie beimKampf der kleinen Ganoven mit
ihrem übermächtigsten Gegner: Der eigenen Dummheit.
- Da verkauft der ehemalige Pizzabäcker Diacomo
aus Alia an seinem ersten "Arbeitstag" als
Dealer im Hamburger Hauptbahnhof den Stoff ausgerechnet
an zwei Polizisten.
- Da stehlen zwei Einbrecher aus einer Heidelberger
Gaststätte Bargeld, Obstler, Wein und einenRadiorecorder
- und lassen die eigene Brieftasche liegen.
- Da fällt ein 29jähriger Altkleiderdieb beim
Beutezug kopfüber in den Container und bleibt stecken.
Einbrecher, die Konzertkarten klauen - und hingehen.
Verlorene Zahnprothesen, liegengelassene Postsparbücher -
mancherKriminalbericht liest sich wie eine Sammlung menschlicher
Unzulänglichkeiten.
- So hinterließen in Schwerin die Einbrecher in
ein Bürogebäude unbeabsichtigt Fotos von sich. Sie
hatten einePolaroidkamera ausprobiert und die Abzüge
achtlos weggeworfen -weil zunächst nix drauf war.
Von allen Verbrechergruppen haben es die Bankräuber
besonders schwer. Die Kriminalwissenschaftler Wolfgang Servay und
Wolfgang Rehm untersuchten für das Bundeskriminalamt in
"Wiesbaden" den Bankraub "aus der Sicht der Täter".
Nach ihrer Umfrage unter 259Verurteilten glaubt jeder dritte,
Bankraub sei ein Verbrechen"ohne Risiko". Nur 75 % der
Bankräuber planen ihre Tat - eher schlecht als recht. Kein
Wunder, daß 46 % während des großenCoups den Überblick
verlieren.
- Wie der Architekturstudent aus Soest. Der 32jährige
hatte sich den Wagen seiner Mutter geliehen und sich mit
einer Leuchtpistole bewaffnet. In der Bank ging noch
alles glatt. Doch als er mit 43000 DM flüchten wollte,
raste er erst einmal in eine Sackgasse. Der Amateurbankräuber
kurvte solange vor der Bank herum, daß die Angestellten
mühelos die Autonummer notieren konnten. Als er mit der
Beute Heim zu Muttern kam, wartete bereits die Polizei.
- Ein 33jähriger Arbeitsloser aus Frankfurt
scheiterte bereits am Kassierer. Er erklärte ihm nämlich
eindringlich, er könne "wegen der Automatik leider
nur zeitverzögert auszahlen". Bitter. Denn schon am
Morgen hatten Angestellte eines Postamtes den Mann völlig
ignoriert - auf seine Geldforderung hin waren sie einfach
aufgestanden und weggegangen. "Da bin ich eben auch
wieder nach hause", erklärte der traurige Täter
vor Gericht.
Bei den kläglichen Raubzügen dieser überforderten
Ganoven muß ihre besondere psychische Situation berücksichtigt
werden. Für jeden dritten Täter war, so ermittelten die
Wissenschaftler Servay und Rehmwar "der Bankraub das bisher
aufregendste Erlebnis ihres Lebens".
- Für Dieter war er es bestimmt. Der Brandenburger
erbeutete 5 Tage nach der Währungsunion bei seinem
ersten Überfall auf eine kleine Sparkasse in Herzfelde
bei Berlin 2 200 Mark - Ost.
- Ein arbeitsloser aus Hannover hatte es weniger
eilig. Als derFernseher des 43jährigen in die Brüche
ging, weigerte sich das Sozialamt, einen neuen zu kaufen.
Der Enttäuschte informierte sich in einem Rundfunkgeschäft,
was ein neues Gerät kostet, trank ein paar Gläschen und
marschierte in die Bank. "Ich brauche 800 DM."
Und weil alles seine Ordnung haben mußte, bot er auch
noch an: "Soll ich Ihnen diesen Betrag
quittieren?"
Videoaufnahmen dokumentieren die unfreiwillige Komik
manchen Überfalls. Stotternde Räuber
"(Ba-Ba-Ba-Ba-Bankueberfall)", über den Kopf gezogene
Damenstrumpfhosen mit an der Seite herunterbaumelnden
Nylon-beinen, groteske Handgranatenfälschungen. Oder etwa der
Versuch, das Kameraauge zu überlisten:
- Ein Korpulenter Berufsverbrecher zeigte sich bei
einem Überfall in Bad Nauheim ausschließlich von
hinten. Die Frankfurter Polizei erkannte ihn allerdings
doch - an der fülligen Sitzfläche.
- Derlei Peinlichkeiten wollten unbekannte
Verbrecher in Seulingen bei Göttingen vermeiden. In
tiefer Nacht hatten sich die Räuber durch ein erdnahes
Fenster hindurch in den Keller der Sparkassenfiliale gezwängt
und bis in den Tresorraum vorgekämpft. Dort packten sie
ihre nagelneue Bohrmaschine aus und legten los. Unglücklicherweise
erwischten sie beim Bohren statt des Geldschranks die
Wasserleitung.
Eine kalte Dusche zur rechten Zeit hätte andernorts
die Pleite sicher verhindert. Denn oft ist die Müdigkeit der härteste
Gegner des Verbrechers.
- Ein 38jähriger Gelegenheitskrimineller hatte
sich ein nachtverlassenes Bürogebäude in Bad Cannstadt
zum plündern vorgenommen. In Erwartung gewaltiger
Geldsummen stemmte er Schreibtischschublade um
Schreibtischschublade auf - und fand nichts. Von dieser
vergeblichen Anstrengung ermattet, versank er in tiefen
Schlaf. Als er erwachte, klickten bereits die
Handschellen.
- Ganz andere Anstrengungen fällten Peter G., der
in Hamburg eine Spedition überfiel. Er unterzog seine
Beute "güstrower Getreidekorn", einem
spontanen Qualitätstest. Bei einem Pegel von 4,0 Promille
fielen dem 54jährigen die Augen zu. Erst nach tagelanger
Ausnüchterung war Peter G. Vernehmungsfähig.
- Kulinarische Leidenschaft besiegte die zwei Mundräuber
aus Niederbayern. Sie überfraßen sich nächtens im überfallenen
Supermarkt dermaßen, daß sie käfergleich auf dem Rücken
liegenblieben und wegdämmerten.
- Über die plötzliche Ermüdung einer
Handtaschenräuberin rätselt die Frankfurter
Bahnhofspolizei noch heute. Eigentlich, so erklärte
Andrea später den Beamten bei der Vernehmung, wollte sie
nur mal auf die Toilette. Doch als in der Nebenkabine plötzlich
heftig gekeucht, gegrunzt und geschrieen wurde, lugte sie
unter der Wand hindurch. "Ich dachte da wird jemand
umgebracht."Andrea sah das genaue Gegenteil: Eine
44jährige Frau aus Oberursel arbeitete heftig auf ihrem
33järigen Freund. Auf die arglos abgestellte Handtasche
achtete im Liebesrausch keiner - bis auf Andrea, die
griff zu. Nach vollzogener Lust fiel den beiden der
Verlust auf. Errötend zog das Paar die Bahnpolizei zum
Tatort. Die Beamten hämmerten an die Türen der
Nachbarkabinen. Und irgendwann öffnete Andrea verhuscht
die Tür. Die 29jährige war mit der geklauten Handtasche
auf dem Schoß eingeschlafen. Immerhin hätte Andrea fast
gute Beute gemacht.
- Ganz im Gegensatz zu Einbrechern, die sich in der
Schaufensterauslage eines Bonner Sportartikelgeschäfts
bedienten. Die Täter erbeuteten 14 Superschuhe im Werte
von 3 000 DM - allesamt für den rechten Fuß.
- Zwei Einbrecher, die in Solingen in ein
Zweifamilienhaus einstigen, kamen gar nicht erst so weit,
sich über miese Beute zu ärgern - einer von ihnen war
im Kamin steckengeblieben. Sein Komplize wußte sich
nicht anders zu helfen, als bei der 82järigen
Nachbarsfrau um Hilfe zu rufen. Die zweieinhalbstündigeRettungsaktion
der Feuerwehr kostete 30 000 DM.
Ihrer fast schon sympathischen Schusseligkeit
verdanken all diese kleinen Ganoven, daß sie irgendwann vor dem
Richter stehen. Doch manchmal kommen sie auch von selbst:
- Vor dem DuisburgerAmtsgericht mußte sich ein
Libanese verantworten, der ein Kaufhaus um 33
Armbanduhren erleichtert hatte. Als der Richter ein
Protokoll verlas, in dem der Name eines zweiten
Tatbeteiligten genannt wurde, erhob sich plötzlich ein
junger Mann im Zuhöhrersaal und winkte höflich:
"ja, hier." Eine Minute später sass er zwei
Reihen weiter vorn - auf der Anklagebank.