Tante Frieda
zieht um

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Von Stefan Breitenfeld: garion1000@hotmail.com





Wir waren von Tante Frieda viel gewohnt, angefangen bei ihrem Osterkuchen, den sie in Ermangelung von Kakaolikör kurzerhand mit Lebertran gebacken hatte, über ihre wöchentlichen Stadtrundfahrten ("Man muß halt auf dem Laufenden bleiben!") bis hin zu ihren Geburtstagsfeiern, zu welchen sie grundsätzlich meine Frau, mich und ihre vier Nachbarinnen einlädt, in deren Runde sie mit achtundsiebzig Jahren die Jüngste ist.

Was wir nicht erwartet hatten, war ihre Idee, noch einmal umzuziehen. Wie es bei Tante Frieda typisch ist, setzte sie ihren Entschluß schnell in die Tat um. Eine passend erscheinende Wohnung war bald gefunden, und so versammelten wir uns alle am festgesetzten Tage, um beim Ausräumen der alten und beim Einräumen der neuen Wohnung behilflich zu sein. Wir - das waren meine Frau Brunhilde, meine Brüder Egon und Achim, Onkel Erwin (Tante Friedas Mann, der mit zweiundachtzig Jahren nur unwesentlich jünger ist als sie) und ich. Da wir so zahlreich erschienen waren, schonte Tante Frieda ihre Kräfte und beschränkte sich die ganze Zeit darauf, kurze scharfe Kommandos zu erteilen. Aber wir kamen trotzdem gut voran.

Nachdem meinem Bruder Egon der Kronleuchter auf den Kopf gefallen war und er mit einer mittelschweren Gehirnerschütterung im Krankenhaus lag, wurde es erst so richtig gemütlich. Meine Frau verlor einen halben Finger, als sie die automatische Brotschneidemaschine einpacken wollte, deren Automatik darin besteht, immer dann loszugehen, wenn jemand seinen Finger an das Messer hält, Achim geriet unter einen Kleiderschrank, der seiner rechten Hand eine eher zweidimensionale Form verlieh, Onkel Erwin fiel um, als ich ihn versehentlich mit einer Schreibtischplatte am Kopf streifte, und ich verlor zwei Schneidezähne, als ich mit dem Kühlschrank auf dem Buckel versuchte, die Treppe hinunterzuspringen und mit dem Kopf zuerst aufkam.

Sonst gab es keine besonderen Vorkommnisse.

Bei der objektiven Betrachtung einer nicht mehr ganz neuen Stehlampe gelangte Tante Frieda zu der Einsicht, daß sich der Transport derselben in die andere Wohnung nicht mehr so recht lohne, und teilte sie deshalb dem Abfall zu. Onkel Erwin, der sich inzwischen wieder leidlich erholt hatte, griff frohlockend nach einem Stuhl (er konnte die Lampe noch nie leiden), und schwang ihn wie einen Hammerwerfer herum, um ihn sodann mit einem triumphierenden Gelächter auf die Lampe zu schleudern. Was machte es dabei schon, daß der Stuhl in einem eleganten Bogen an der Lampe vorbeisegelte und wenige Augenblicke später durch das geschlossene Balkonfenster krachte. Die Bewohner zogen ja sowieso aus.

Als im Badezimmer das Wasserrohr platzte und das Wasser in die Steckdose lief, hatten wir schon alle wichtigen Gegenstände verladen, und sahen deshalb nur noch von weitem einen bläulichen Blitz ziellos in der Wohnung umherirren. Es kann aber so schlimm nicht gewesen sein, denn Tante Frieda sagte, daß sie selbst von den Nachbarn, die immer schnell mit einer Beschwerde zur Hand waren, seitdem nichts mehr gehört hat.

Um Gongschlag zwanzig Uhr hatten wir - fünf Tage später - alles ordentlich in die neue Wohnung eingeräumt, und nun verabschiedeten wir uns von Tante Frieda, da wir noch Onkel Erwin im Krankenhaus besuchen wollten. Der hatte nämlich die Stabilität des neuen Treppengeländers überschätzt, als er sich mit dem Sofa dagegenlehnte, und innerhalb einer Sekunde von der dritten in die erste Etage gewechselt. Aber die Chirurgen meinten, das kriegen wir schon wieder hin und wo denn das verdammte rechte Ohr geblieben sei. Dann mußten sie noch seine eine Hand suchen, die irgendwo in den Falten des Sofas hing, und wir gingen, weil wir dabei sowieso nur im Wege gewesen wären.

Und in fünf Wochen ziehen wir - meine Frau und ich - in eine größere Wohnung am anderen Ende der
Stadt.

Wir wissen auch schon, wem wir das Oberkommando über diese Aktion geben werden:
Tante Frieda.

Denn da ist die Sache in guten Händen.

Stefan Breitenfeld


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