Ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag in einem in Leverkusen ansässigen Großkonzern
der chemischen Industrie

Eine Kurzgeschichte von Zonkadelic



„ZU-GA-BE; ZU-GA-BE; ZU-GA-BE“
Das Publikum rastete vollkommen aus als wir das letzte Stück beendet hatten. Alle Bandmitglieder waren schweißgebadet. Jeder Einzelne hatte sich in den letzten beiden Stunden vollkommen verausgabt. Hier in der Köln-Arena vor 12.000 hüpfenden Menschen wollten wir besser spielen als wir es jemals zuvor getan hatten. Die Berge von Unterwäsche der weiblichen Fans, die die Monitorboxen komplett verdeckten, gaben uns Recht. Wir hatten das Haus gerockt und keiner der Zuschauer hatte es bereut DM 75,- für die Eintrittskarte gezahlt zu haben. Heerscharen von Reporten stürmten zur Bühne um noch einige Fotos zu schießen, die sie bis ans Ende ihrer Tage reich machen würden.
Jetzt als die Stimmung den Siedepunkt erreicht hatte, schnappten wir uns ein letztes Mal die Instrumente, um dem Publikum mit dem letzten bisschen Energie, die uns geblieben war, noch einmal richtig einzuheizen.
Der Gitarrist hatte Schwierigkeiten das Gewicht seiner Gitarre zu tragen, was besonders durch seinen schwankenden Gang bemerkbar wurde.
Ein letzter Schluck aus der halbvollen Kölschflasche, dann begann ich anzuzählen:

1 2 3 ..........

Ein bestialischer Krach zwang mich meine Augen aufzureißen. Es war mein Wecker der mich mit einem unerträglich lauten Scheppern aus den süßesten Träumen riss wobei ich mit einem filmreifen Stunt aus meinem Bett sprang. Der harte Aufprall ließ mir meine Umgebung klarer erscheinen.
Schlaftrunken und gänzlich unentspannt erhob ich meine mittlerweile blutende Nase aus dem Berg Dreckwäsche, die sich vor meinem Bett aufgetürmt hatte und prügelte „Prinz Ernst August -gleich“ auf meinen Wecker ein, bis dieser verstummte.
 

Kein Zweifel mehr. Es war ein Montag morgen wie er beschissener nicht anfangen konnte.
Die 7,5 m, die ich zum Badezimmer zurückzulegen hatte erschienen mir wie die Besteigung des Mount Everest.
Ein Sauerstoffgerät hätte ich in diesen Momenten auch sehr gut gebrauchen können.
Einige wenige Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch die heruntergelassene Jalousie.
Als einer von ihnen meine Augen traf zuckte ich zusammen wie einer dieser lichtscheuen Untoten aus „From Dusk till Dawn“.
Wie ein glühender Uranstab bohrte sich das Sonnenlicht durch meine Netzhaut, um sofort 35 % meines Hirns zu verbrennen.
Flinken Fußes flüchtete ich ins abgedunkelte Badezimmer um meine Wunden zu kühlen.
Die vollkommene Dunkelheit ließ mich über die Personenwaage stolpern wobei ich, mit den Armen rudernd, vornüber fiel. Mit letzter Kraft schaffte ich es mich an der Duschkabine festzuhalten, welche unter meiner Last zusammenbrach.
Von Prellungen und Blutergüssen übersäht tastete ich über das Badezimmerregal  bis ich eine Kerze und Zündhölzer gefunden hatte. Das Licht der Kerze zwang mich nicht die Augen fest zusammen zu kneifen.
Ich konnte also sehen.
Als ich den gemarterten Körper vorsichtig in Richtung Spiegel bewegte fiel mir ein homosexuelles Fliegenpärchen auf, das sich wild stöhnend auf meinem Heißwasserboiler vergnügte.
Der gewaltige Schrei den ich ausstieß  ließ nicht nur das Fliegenpärchen auf der Stelle die Flucht ergreifen.
Auch einige Nachbarn boten mir spontan ihre Hilfe an, während sie verängstigt an meine Tür pochten.
Ich öffnete die Tür jedoch nicht. Niemand sollte mich so sehen. Das Bild, das der Spiegel da zurückwarf erinnerte mich stark an Frankensteins Gesellenstück.
Die Haut faltig und blass wie Kalkstein, mehr Ränder als Augen. Die kurze Nacht hatte ihre Spuren hinterlassen. Dummerweise ausschließlich in meinem Gesicht.
Der Selbsterhaltungstrieb ließ mich auf die Rasur verzichten. Ich begann also mir den scheinbar zentimeterdicken Belag von Zähnen und Zunge zu polieren.
Die anschließende Dusche lässt sich, im Nachhinein betrachtet, als eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens beschreiben. Es müssen Stunden gewesen sein, die ich unter dem kochend heißen Wasser verbracht hatte. Mit einiger Mühe entfernte ich die Miesmuscheln, die sich mittlerweile am gesamten Körper ansässig gemacht hatten, trocknete mich ab und begab mich wieder in meine Gemächer.
Es erwies sich als eine echte Herausforderung nicht wieder in das lauschig warme Bettchen zu steigen, das lauthals meinen Namen rufend auf mich wartete.
Es war also Montag. Keine Chance dem Alltagstrott zu entrinnen. Ich öffnete meinen Kleiderschrank, dessen knarren mir das Blut im Körper gefrieren ließ und zog wahllos einige Klamotten heraus.
Bei der Auswahl der Krawatte schloss ich sogar die Augen. Ich griff zu einer Flasche Mineralwasser, die neben meinem Bett stand und leerte sie in einem Zug.
Nachdem ich die Kleidung mühsam um meinen Körper gewickelt hatte rief ein Blick auf die Uhr wieder eine grausame Panik in mir hervor. Wollte ich nicht noch später als es ohnehin schon war auf der Arbeit erscheinen, so musste ich nur zwei Minuten später an der 936 Meter entfernten Bushaltestelle stehen.
In meiner Hektik verzichtete ich auf Schuhe und Jacke und rannte aus dem Haus.
Nur durch einen Waghalsigen Hechtsprung durch die sich blitzartig schließende Tür konnte ich mein Leben und mein Gleitzeitkonto vor einem jähen Ende bewahren. Die ausschließlich hässlichen und fetten Menschen die mit mir im Bus fuhren schauten teilweise sehr erstaunt als sich der Kerl ohne Schuhe vom dreckigen Boden erhob und sich schnaubend eine Zigarette anzündete.
Einige von Ihnen lasen Zeitschriften, andere starrten einfach nur paralysiert aus den beschlagenen Fenstern.
Nachdem ich mir die Zeit erfolgreich damit vertrieben hatte jeden einzelnen Fahrgast persönlich zu beleidigen geschah das Unvermeidbare.
„Nächster Halt, Bayerwerk Tor 2“.
Die Dame, die diese Nachricht über die Lautsprecher stöhnte, hätte auch mit Telefonsex reich werden können. Wahrscheinlich tat sie es auch.
Ich stieg aus dem Bus und stand mitten in einem Platzregen, der wenige Sekunden zuvor noch nicht da gewesen war. Der Tag wurde von Sekunde zu Sekunde beschissener und ich hatte das Büro noch nicht einmal betreten.
Als ich mich vor den Augen des Pförtners auswrang und meinen beschwerlichen Weg in Richtung Stempeluhr fortsetzen wollte, wurde ich durch einen Markerschütternden Schrei aus meiner Trance gerissen.
„ A U S W E I S ! ! ! ! !“
Missmutig schlurfte ich zurück, rutschte auf der Wasserlache aus die ich kurz zuvor hinterlassen hatte und zeigte, während ich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rücken lag, dem Pförtner meinen Werksausweis. Dieser bedankte sich durch eine Kombination aus eifrigem Kopfnicken und hämischem Grinsen. Ohne Frage hatte sich dieser Mann in null Komma nichts auf meine „People to kill“ liste bugsiert.
Als ich meine Karte durch den Leser zog war es mittlerweile
09.52 Uhr.
„Möge der allmächtige Herrgott diese Gleitzeitregelung bis ans Ende meiner Tage schützen“, dachte ich bei mir und schlurfte Humpelnd in Richtung Aufzug.
Hier erlebte ich das erste Erfolgserlebnis dieses ach so verdammten Tages, denn die 3 Personen mit denen ich den Aufzug zu teilen hatte sahen mindestens so scheiße aus wie ich. Es ist ein verdammt gutes Gefühl zu wissen daß man nicht allein auf der Welt ist.
Mit zitternden Händen schaffte ich es bereits im dritten Anlauf den richtigen Knopf für meine Etage zu drücken.

Einer nach dem Anderen verließ den Aufzug bis ich allein zurück blieb.
Noch 2 Etagen hatte ich Zeit tief durchzuatmen und meine Kleidung zu überprüfen, die ich bis zu diesem Augenblick noch nicht gesehen hatte. Ich sah furchtbar aus. Allerdings hatte sich der Löwenanteil der Spuren des mangelnden Schlafes aus meinem Gesicht verzogen.
„Ding“
Der Aufzug öffnete sich und ich trat vorsichtig in den Flur.
Hier begegnete mir prompt die Posttante die mit einem gewaltigen Stapel Papier auf dem Arm über den Flur schwebte. Das Geräusch Ihrer Pfennigabsätze auf dem Kunststoffboden ließ mich erschaudern. Dazu dieser Anblick.
Sie trug einen viel zu kurzen Rock der Ihre von Krampfadern übersäten, viel zu dicken Beine nicht einmal ansatzweise zu verdecken vermochte. Den Rosa Wollpullover schien sie sich von Regina Zindler geborgt zu haben. Ihre Frisur konnte ich noch nie leiden.
Kein Zweifel: Diese Frau beleidigte mit voller Absicht mein Auge.
Als sie mir ein, für einen Montag morgen, unverständlich fröhliches „MOGGEN!“ entgegenwarf , drehte ich mich auf dem Hacken um und rannte zur Toilette um mich meines Mageninhaltes zu entledigen.
Vom Junkfood des Vorabends befreit nahm ich allen Mut zusammen und machte mich mit großen Schritten auf den Weg zu meinem Schreibtisch.
Einige der Chefs und Kollegen denen ich begegnete blickten, während sie mich mit einem deutlichen „MAHLZEIT!“ begrüßten, demonstrativ auf Ihre Armbanduhren, womit sie mein spätes Erscheinen offensichtlich anprangern wollten.
Als ich meinen Schreibtisch erreicht hatte bot sich mir ein Bild des Schreckens. Ein Meer von Notizen bedeckte meinen Schreibtisch, sabbernd darauf wartend endlich bearbeitet zu werden.
Mit wenigen Ausnahmen hatte jeder Mitarbeiter der Bayer AG angerufen und um dringenden Rückruf gebeten.
 

Ich versuchte den angestauten Frust, die Verzweiflung und den Geschmack von erbrochenem Stuhl in meinem Mund mit einem kräftigen Schluck aus der Wasserflasche herunter zu spülen. Jedoch ich scheiterte.
Nun nahm ich auf meinem bequemen Bürostuhl Platz und verfiel augenblicklich in einen Tiefschlaf der jäh durch das terroristische Klingeln meines Telefons unterbrochen wurde.
Nach Luft japsend griff ich mit bebenden Händen zum Hörer, hob ab und ...
Als ich mich mit meinem Namen melden wollte musste ich feststellen daß mein Sprachzentrum, bis dahin ungenutzt, noch empfindlich gestört war.
Da ich diese Tatsache hinnehmen musste zog ich es vor mich mit einem bezeichnenden Grunzton zu melden.
Glücklicherweise erinnerte sich der Anrufer an frühere Grunzmeldungen, verspürte Mitleid  mit der armen Seele am anderen Ende der Leitung und kündigte seinen erneuten Anruf gegen Mittag an, was ich mit einem weiteren Grunzton guthieß um den Hörer anschließend zielsicher zurück auf die Station gleiten zu lassen.
Bis zur Mittagszeit sollten es sich die Lebensgeister wieder in meinem Körper gemütlich gemacht haben.
Beim Einschalten des Computers stellte ich mich ebenso ungeschickt an wie beim Aufschließen der Schränke.
Der mir gegenüber sitzende Kollege, der sich dieses Schauspiel seit Minuten  wortlos und mit sichtlicher Begeisterung betrachtete, brach nun trommelnd und von Lachkrämpfen geschüttelt unter seinem Schreibtisch zusammen.
Da er nicht einmal im Traum daran dachte seine Freude über meinen desolaten Zustand ein wenig leiser zum Ausdruck zu bringen, dauerte es nicht lange bis sich die gesamte Belegschaft des Großraumbüros um meinen Schreibtisch versammelt hatte, um ebenso laut zu lachen und mit einer Armada von Zeigefingern auf mich zu deuten.
Der Tag war gelaufen, soviel war sicher.
Wer aber schon einmal dachte daß es schlimmer nicht kommen könne weiß genau daß das vermaledeite Leben immer noch ein As im Ärmel hat.

Dieses As erschien mir in Form meines, hektisch gestikulierenden, Vorgesetzten (an sich ein angenehmer Geselle), der mir alles Andere als angenehm verkündete, daß er in 7 Minuten den Besuch eines Kunden erwartete, wofür er vollständige Besuchsunterlagen benötigte, deren Zusammenstellung mich unter normalen Umständen mindestens eine Stunde gekostet hätte.
Als ich ohnmächtig von meinem Stuhl kippte, zog es der Großteil der Kollegen vor die Flucht zu ergreifen. Einige blieben unbeirrt stehen und lachten munter weiter.
Es müssen Stunden gewesen sein die ich da, aus den Ohren blutend, auf dem Fußboden gelegen hatte.
Ich zog mich, nach Luft schnappend, an einer Grünpflanze hoch die, einen letzten, verzweifelten Todesschrei ausstoßend, samt Blumenkübel auf dem Boden zerschellte. Mit letzter Kraft schaffte ich es meine Fingernägel im Schreibtisch zu vergraben, was mir einen halbwegs sicheren Halt bot.
Auf dem Schreibtisch hatte mein Chef einen Zettel hinterlassen der mit Schimpfworten gespickt war die einer ostsibirischen Hafenhure die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten.
Es war mittlerweile  11:43 Uhr. Der Berg von Notizen auf meinem Schreibtisch hatte sich verdoppelt.
Ich begann die Büroklammern aus meinen Ohren zu pulen, die mir einige der, immer noch köstlich amüsierten, Kollegen während meiner Ohnmacht implantiert hatten.
Der perfekte Zeitpunkt um essen zu gehen.
Sichtlich benommen wankte ich in Richtung Kleiderständer und schnappte mir meine Jacke.
 

Die Kantine war, wie immer um diese Uhrzeit, vollgestopft mit alten, hässlichen Menschen die ihre Kleidung alle beim selben Versandhaus zu bestellen schienen. So wollte ich in einigen Jahren nicht aussehen.
Das Essensangebot an diesem Tag war wieder einmal Atemberaubend. Bauchspeck und dicke Bohnen, Schusterkotelette (Fett in Panade) mit Blumenkohl. Am Grill gab es die wahrscheinlich ekelerregendste Currywurst der Weltgeschichte. Ich entschied mich aufgrund der schlechten körperlichen Verfassung für einen Salat und eine Laugenbrezel. Der halbe Liter Apfelschorle sollte den Nachdurst entgültig besiegen können.

Die Menschenschlange vor der Kasse schlängelte sich durch die gesamte Kantine. Als ich endlich an der Reihe und mein Salat welk (Danke Michaela) war, stellte ich mein Tablett ab und nestelte nervös in meinen Taschen herum.
„Bar oder mit Karte ?“ fauchte mir die Küchenschabe (wie ich die weiblichen Angestellten des Betriebsrestaurants ihrer elfenhaften Erscheinung wegen zu nennen pflegte) entgegen nachdem sie mich mit dem üblichen „Mahlzeit“ in Kasernenhoflautstärke begrüßt hatte. Wortlos zückte ich meinen Ausweis, zog ihn durch den Leser und machte mich auf die Suche nach einem Sitzplatz.
Hunderte von Gesichtserkern thronten mit ihren fetten Ärschen auf den Polsterstühlen und fuhren sich, mehr oder weniger genüsslich, dein Einheitsbrei ein wobei sie laut schmatzten.

In weiter Ferne erblickte ich einen freien Sitzplatz und legte mit meinem Tablett in den Händen einen Sprint hin, der selbst einen gedopten Ben Johnson vor Neid hätte erblassen lassen.
Die letzten 5 Meter legte ich im Sinkflug zurück. Ich landete unsanft aber punktgenau auf dem Stuhl, wobei sich der Inhalt meines Glases auf die Tabletts meiner Sitznachbarn ergoss.
Einer von ihnen mokierte sich sichtlich erregt über diesen Zustand und faselte irgendetwas von Kündigung, Rausschmiss und Abmahnung. Es stellte sich heraus dass dieser Herr von allen nur „der Häuptling“ genannt wurde.
Seine Position lässt sich, simpel ausgedrückt, als „der Chef des Chefs meines Chefs“ bezeichnen. Dieser Mann war so wichtig dass ich ihn noch nie in meinem Leben gesehen hatte.

Offensichtlich kannte er mich aber besser als mir lieb war. Fluchend erhob er sich von seinem Platz, wischte sich den gröbsten Schnodder von der Kleidung und verschwand.
Plötzlich wurde ich von etwas extrem grellem geblendet. Mir gegenüber nahm ein Herr Platz der einen leuchtend türkisen Strickpullover mit eingestickten Bärchen trug. Von Lachkrämpfen geschüttelt spuckte ich ihm den zerkauten Salatmatsch ins Gesicht, den ich zuvor minutenlang im Mund bearbeitet hatte. Ich verzichtete auf jede weitere Nahrungsaufnahme und zog es vor meine immer noch akuten Kopfschmerzen der frischen Luft auszusetzen.
Ich watschelte einige Minuten durch den Park, wobei mir ungewöhnlich viele tote Tiere am Wegesrand auffielen. Darüber machte ich mir aber keine weiteren Gedanken.
Voller Unlust erreichte ich das Bürogebäude, atmete noch einmal tief durch und schritt durch die sich öffnende Schiebetür.
Der Pförtner holte gerade Luft, um mir wieder das einzige Wort das er fehlerfrei aussprechen und eventuell sogar schreiben konnte entgegenzubrüllen, als ich mich mit einem mächtigen Satz direkt vor seine Füße katapultierte und ihm meinen Ausweis so dicht vor die Augen hielt, dass ich den Strichcodelaser in seinem Schädel piepen hörte.
Was darauf folgte war eine mehr als unspektakuläre Aufzugfahrt. Auch der Fußmarsch zu meinen Schreibtisch verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle.
Beim betreten des Büros erblickte ich etwas, das mich wieder an Gott glauben ließ.
An der Stelle an der früher einmal mein Schreibtisch gestanden hatte lag jetzt nur noch ein dampfender Haufen Asche. Ein beschämter Kollege stand, auf den Boden blickend, in der Ecke. Er hatte unachtsam einen Zigarettenstummel in meinen Mülleimer geworfen. Ich klopfte ihm grinsend auf die Schulter und verspürte Genugtuung. Es schien als hätten sich all meine Probleme sprichwörtlich in Luft aufgelöst.
 

Diese Rechnung hatte ich aber ohne den Sicherheitsbeauftragten „Daube“ gemacht. Dieser stand, mit Schutzhelm und Feuerlöscher bewaffnet, plötzlich vor mir und verkündete folgendes während er grauen Auswurf in meine Richtung hustete.
„Ihr Schreibtisch ...tot, Ihr PC ... tot, Ihr Telefon ... tot, Ihr Mülleimer ... tot. ABER ... Ich konnte all die Unterlagen auf Ihrem Schreibtisch retten.“
Er legte eine perfekte Kehrtwende hin und stolzierte mit einem NVA-ähnlichen Schritt von dannen. Tränen schossen aus meinen Augen. Ich vergoss genug Tränenflüssigkeit um den Tiefstand des Rheins damit auszugleichen. Nachdem ich mich wieder gefasst hatte machte ich mich, mit einigen Büromaterialien bewaffnet, auf die Suche nach diesem erbärmlichen Bastard.
Ich joggte „Dieter Baumann-gleich“ über den Flur und erblickte ihn. Meine Schritte wurden länger, meine Schrittfolge schneller. Der Griff an seinen fettigen Hemdkragen rief einen Markerschütternden Todesschrei hervor, der von der Geräuschkulisse eines heftigen Erstickungstodes begleitet wurde.

Ich richtete diesen jämmerlichen, um sein Leben flehenden, Schwachkopf mit den mitgebrachten Folterinstrumenten übel zu. Anschließend schliff ich ihn an seinem ungepflegten Bart in den Lastenaufzug und schickte ihn über alle Etagen. Jeder sollte sehen was passiert wenn man einen Verkaterten Arbeitskollegen zur Weißglut bringt.
Zu behaupten ich hätte mich schlecht gefühlt wäre mehr als nur gelogen. Ich fühlte mich königlich, lächelte und versprühte aufgrund meiner Boshaftigkeit Unmengen weiblicher Hormone.
Niemand schien Daube zu vermissen. Ich ergriff die Gelegenheit beim Schopf und warf all die Unterlagen, die er gerettet hatte, auf den immer noch dampfenden Haufen, der einmal mein Schreibtisch gewesen war.
Ich tanzte um das erneut lodernde Feuer und pfiff vergnügt ein Liedchen.
Gutgelaunt verließ ich das Büro nachdem ich mein verbliebenes Hab und Gut verpackt hatte und wünschte allen Kollegen explizit einen „angenehmen Feierabend“.

Der Tag schien ein gutes Ende zu nehmen denn der Bus kam ausnahmsweise ohne Verspätung.
Als sich die Türen schlossen und der Bus sich in Bewegung setzte, sprangen 2 Männer von den hintersten Sitzen auf. Wild mit ihren Pistolen herumfuchtelnd bedrohten Sie den Busfahrer und einige Fahrgäste. Mit einem, durch bewusstseinsverändernde Drogen hervorgerufenen, Zittern in ihren Stimmen stellten sie sich als die Herren „Rösner und Degowski“ vor.
Da die Beiden furchtbar aus dem Hals stanken streckte ich sie kurzerhand nieder.
Die anderen Fahrgäste bedankten sich mit stehenden Ovationen für meine Heldentat und trugen mich auf Händen aus dem Bus, direkt in die Arme der lauernden Reporter. Diese boten mir, neben einigen Auftritten in diversen Talkshows und der Ein oder Anderen Gala, die Ablöse von Eduard Zimmermann in Aktenzeichen XY ungelöst an. Zudem ernannte man mich zum Volkshelden was durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes noch bekräftigt wurde.
Ich hatte nun genug Geld um sorgenfrei mein Leben als Tagedieb zu leben und mich meinem offensichtlichen Alkoholproblem hinzugeben.
Arbeiten ging ich jedoch nie wieder.


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