Vater & Sohn

(Ein deutscher Generationskonflikt)

Manchmal bekommt mein Vater einen Nostalgieanfall. Dann holt er sein abgewetztes Fotoalbum, welches den hochtrabenden Titel "Mein Kampf" trägt, hervor. Während in der Flimmerkiste "Der Preis ist heiss" oder irgend ein anderer Konsumscheiss läuft, schwärmt er von der guten alten Zeit - den wilden 60ern...

Mein Vater zeigt mir dann vergilbte Fotos von dem roten Cohn-Bendit und Rudi Dutschke, welchem er persönlich die Hand reichen durfte. Ganz stolz ist er auf das Gruppenfoto seiner ersten WG. Kämpferisch nannten sie sich damals "Kiffende Sturm - WG". Ehrlich gesagt gleichen diese jämmerlichen Gestalten, welche auf leeren Apfelsinenkisten und schmierigen Matratzen hocken, und die er voller Pathos "Gammler"nennt, eher Bahnhofspennern als fortschrittlichen Revolutionären. Unter diesen "Haste' mal 'ne Mark"-Typen erkenne ich Gesichter, welche als Hans und Franz bei uns auf Besuch kommen und mir im Geschichtsunterricht als Pauker gegenübersitzen.

Wenn die Sonne scheint, und daher keine Gefahr für unseren frisch gewaschenen Mercedes besteht, packt meinen Vater die Reiselust. Vater darf ich ihn eigentlich nicht nennen, auch Pappa oder Papi sind Tabuwörter. Mein Erzeuger wünscht, daß ich ihn mit Dieter oder Alter anspreche. Dieses sei Teil seiner antiautoritären Erziehung. Meine Mutter heisst folglich Ulrike, Ulli oder Alte.

Im frisch gewaschenen und gewachsten Daimler geht es durch die Schluchten der Großstadt. Jede Straße birgt für meinen Vater/Alten Erinnerungen an revolutionäre Tage. Hektisch zeigt er auf die historischen Plätze klassenkämpferischer Auseinandersetzungen. Wie ein Reiseführer rattert er seine Anmerkungen herunter. "Da vorne war meine erste WG, die "Kiffende Sturm-WG"! Das waren wilde, revolutionäre Tage und vor allem Nächte. Voller Sex, drugs and Rock 'n' roll."

Meistens wirft er mir dann vor, daß ich seit zwei Jahren die selbe Freundin habe. Die nächste Sehenswürdigkeit ist die Straßenkreuzung, an der er zum ersten Mal an Barrikadenkämpfen teilnahm. Anlass war damals die Ablehnung des Kultusministeriums, das "Faschistenfach" Sport zu streichen und dafür Lehrstunden im Petting einzuführen.

"Hier habe ich meinen ersten Stein auf die Fascho-Bullen geworfen!" Höflich verkneife ich mir die Anmerkung, daß der Stein fünf Meter vorbei flog. Auch erinnere ich meinen Vater/Alten nicht daran, daß er neulich laut nach der Polizei rief, als ein türkischer Junge ihm den Daimlerstern vom Wagen riss.

Voller kleiner Anekdoten plätschert die Spazierfahrt dahin. Ein paar "Sit-ins" und "Love not war"-Demos erwachen wieder zum Leben, jedenfalls in seiner Erinnerung...

Natürlich vergißt er auch nicht, die damalige Mode und Haartracht lobend zu erwähnen. Leider vergisst er auch nicht, mich wegen meiner Abneigung zu Jeans und langen schmierigen Haaren sanft zu rügen (Du, ich finde es echt schade, daß Du alle zwei Wochen zum Glatzenschneider rennst und Deine Klamotten täglich wechselst, Du!").

Jede Nostalgiefahrt endet mit einem Stop an einer Dönerbude. Vater/Alter versucht sein multikulturelles Eintreten mit Dönerr und Volkshochschultürkisch (fünf Stunden) zu demonstrieren ("Du, das ist total wichtig, daß wir die türkischen Landsleute in ihrer Muttersprache ansprechen, Du!").

Der vermeintliche türkische Dönerbrater spricht fließend Deutsch, heißt Fritz und ist zur Aushilfe angestellt. Manchmal treffen wir hier auch Frau Üsülü. Sie ist unsere türkische Putzfrau, die unser Eigenheim im Grünen sauber hält. Bei ihr vergisst Vater/Alter sein VHS-Türkisch. Im besten Esperantodeutsch spricht er mit ihr:
"Frau Üsülü! Du nix vergessen, Du morgen nehmen das Bus früher, damit nix viel Verspätung! Ich hoffen, Du nix viel Verspätung mehr. Und nix viel erzähl zu meiner Frau, versteh! Warum Du reden so große Scheisse und wissen nix von Ahnung!?" Er meint damit, dass Frau Üsülü ihn bei Mutter/Alte verpetzt hat, weil er sie eine "Kanakenschlampe" genannt hat, nachdem er ein Staubkorn auf unserem (in Handarbeit hergestellten) Perserteppich gefunden hatte.

Abends bin ich dann immer total geschafft und muß mich von diesem ewiggestrigen Vater/Alten bei Eisbein und Sauerkraut erholen, auch wenn es wieder eine sanfte Rüge einträgt ("Du, dieses Faschistenessen finde ich echt schwer verdaulich, Du!").


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